“Welt”, 4. September ’04

Spaziergang mit einer sympathischen Projektion

Schon toll, so eine Stimme: dunkel, leicht heiser, warm, tief aus dem Körper heraus. Sexy kann man so eine Stimme finden, sexy findet sie zumindest Nele, die Protagonistin von “Dirty Talk”, einer von sieben Liebesgeschichten aus “Nah dran” (Steidl Verlag), dem demnächst erscheinendem zweiten Band mit Erzählungen der Spiegel-Redakteurin Marianne Wellershoff. Sexy. Nele will mehr, mehr von dieser Stimme, und schon hat sie ein Problem. Der Mann zur Stimme, er scheint ganz anders, und auch er scheint ein Problem zu haben. Auch Steffen will mehr, mehr von Nele, der Nele, wie er sie sich so vorstellt. Und schon passt gar nichts mehr. Schon sind wir beim Kern der Geschichten aus dem libidinösen Alltag der “frei flottierenden Gro§stadtintelligenz” (Klappentext), bei den famosen Diskrepanzen zwischen den inneren und äußeren Zuschreibungen, den Projektionen, die jeder von sich selbst und seinen Gegenübern spazieren führt. Amüsant, unterhaltsam ist das. Solange man sich au§erhalb des Projektionsraums aufhält und nicht gerade selbst verstrickt ist.

Donnerstagabend, eine schicke Büroetage mit Balkon und Hafenblick, Ÿber einem schrabbeligen Parkhaus gelegen. Ein beredter Haufen von Menschen, die einander zumeist zu kennen scheinen. Sekt, Bier, Cracker, Salzbrezeln. Gespräche. Literarischer Salon bei Madame Wu nennt sich die Veranstaltungsreihe, und an diesem Abend steht Marianne Wellershoff im Mittelpunkt. Einen Familienfeier sozusagen. Nach einem kurzen Vorspiel mit der Neo-Country-und Spiegel-Redakteurs-Rockband Kitchen Cowboys, in der die Autorin einen erstaunlich subtilen Bass spielt, liest sie zum Zwecke der Vorstellung ihres neuen Buches einen längeren Abschnitt aus “Dirty Talk”, und dann geht es mit den Kitchen Cowboys weiter.

Und sie liest gut. Dunkel, weich, leicht heiser klingt ihre Stimme. Und mit fortschreitender Dauer gewinnt sie an Sicherheit, verlangsamt den Takt, schmiegt sich an die verschiedenen Rollen im Text an. Nicht dass sie Nele wäre. Oder Steffen. Aber es sind ihre Geschichten, die sie in die Form von Erzählungen transponiert hat, die sie nun mit leisem Humor und Selbstironie umkreist. Es liegt nicht am Sekt, dass man schließlich beschwingt in die Spätsommernacht schlendert. sth

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